Wie sie das Selbstgefühl Ihres Kindes steigern können

Im Zusammenleben mit unseren Kindern überraschen uns diese immer wieder. Nicht alle Überraschungen erfreuen uns. Wie wir als Eltern und Erwachsene darauf reagieren, entscheidet jedoch darüber, ob diese Gegebenheit beziehungsfördernd und Selbstgefühl steigernd oder Selbstwert mindernd ist.

 

Zwei kurze Geschichten


„Mama, Mama! Komm schau doch mal, was ich gemacht habe!“ Carina kommt begeistert auf ihre Mutter zugestürmt, die gerade im Wohnzimmer ein Buch liest. Endlich einmal hat Carina wenigstens eine halbe Stunde friedlich gespielt. Ihre Mutter Sabine steht sofort auf, obwohl sie gerade eine besonders die spannende Stelle ihres Buches unterbrechen muss und folgt Carina. Diese geht zu ihrem Erstaunen ins Badezimmer.

 

Das Bild, das sich Sabine zeigt, entsetzt diese. Die Spiegel sind verschmiert, im Becken türmt sich ein Spülmittelschaumberg, der offensichtlich quer über alle Wände verteilt wurde. Die großzügig verwendete Flüssigkeit bildet auf dem Badezimmerboden einen See, der sich langsam aber sicher daran macht den Flur zu erobern.

 

„Ja bist Du denn des Wahnsinns! Kann man Dich denn nicht mal eine halbe Stunde alleine lassen? Immer machst Du Unfug! Ich fass es nicht. …“ Eine Schimpftirade geht über Carina nieder, die sofort zu weinen beginnt. Zögerlich setzt das Mädchen an: „Aber ich wollte doch nur...“ Die Mutter kann Carina jedoch schon nicht mehr hören. Immer noch schimpfend hat sie sich umgedreht. Sie holt den Putzeimer, um die Überschwemmung wieder zu beseitigen, die Carina im Bad verursacht hat.

 

Es braucht wohl nicht viel Fantasie wie diese Geschichte weiter gehen könnte. Sabine wird höchstwahrscheinlich schlecht gelaunt und vor sich hinschimpfend den Schaden beseitigen, den ihre Tochter angerichtet hat. Eventuell wird sich Carina frustriert in ihr Zimmer zurückziehen. Womöglich wird sie zornig und den Rest des Tages ebenso missgelaunt sein wie ihre Mutter. Wie auch immer die Geschichte weiter geht, die unbeaufsichtigte halbe Stunde im häuslichen Umfeld hat auf alle Fälle gereizte Stimmung hinterlassen und  bei der Mutter das Gefühl, dass Carina lieber nicht unkontrolliert bleiben sollte.

 

Sabines Reaktion ist verständlich. Sie war von dem unerwarteten Chaos vollkommen überrascht. Hätte sie ihrer Tochter jedoch die Chance gegeben, auszureden, hätte diese ihr erklären können, dass sie ihr eine Freude machen wollte. Sie weiß, wie müde Sabine von der Arbeit ist und wollte sie überraschen. Carina fühlte sich groß. Sie hilft gerne im Haushalt mit, auch wenn sie nicht immer alles richtig macht. - Bis zu diesem Zeitpunkt.

 

Eine andere typische Kindergeschichte, wie wir sie uns sicher nicht in unserem Familienalltag wünschen, erzählt, wie das pure Chaos sich auch in ein positives, selbstgefühl- und selbstwertstärkendes Erlebnis verwandeln kann.

 

Petra und Martin liegen noch im Bett, schließlich ist Sonntag, als ein beißender Geruch in ihrer Nase sie weckt. Schnell stehen die beiden auf und ergründen die Ursache des Gestanks. In der Küche werden sie fündig. Paul, ihr sechsjähriger Sohn, steht am Herd und grinst sie voller Stolz an. Es zeigt sich ihnen ein Bild des Grauens. Der beißende Gestank kommt von einem Topf voll Milch, der übergegangen ist. Überall in der Küche ist Puddingpulver verteilt, das eine schwarze Schicht auf der Ablage, dem Boden und sogar einem Teil der Wände hinterlassen hat. In dem Topf befindet sich eine undefinierbare, schwarze, stinkende Masse.

 

Nach einer kurzen Pause ist es die Mutter, die zuerst ihre Fassung wieder gewinnt. „Du wolltest Pudding kochen.“ stellt sie kommentarlos fest. Der Bub antwortet sichtlich erfreut: „Ich habe Euch Frühstück gemacht!“ „Nun, nach Frühstück sieht das aber noch kein bisschen aus!“ , überlegt Petra kurz, frustriert daran denkend, wie sie die nächste Stunde – ohne Frühstück - wieder Ordnung in das Chaos bringen wird.

 

Jetzt gewinnt auch der Vater seine Fassung wieder. „Du wolltest uns überraschen!“ „Ja!“ Paul strahlt seine Eltern voller Freude an. „Freut ihr Euch?“

 

Dieses Strahlen verdrängt Petras Frust. Sie beugt sich zu ihrem Sohn nieder und gibt ihm mit Liebe einen Kuss auf die Wange. „Ach Mäuschen. Wie lieb von dir. Du bist so leise gewesen. Ich habe dich ja gar nicht gehört. Lass mal sehen, was du da gemacht hast.“ Petra sieht in den Topf hinein. „Ui!“ Sie rümpft ihre Nase. „Ich glaube, da ist etwas schief gegangen. Das können wir nicht mehr essen. Der Pudding ist angebrannt.“ Paul blickt enttäuscht drein. Tränen beginnen sich in seinen Augen zu sammeln. „Du bist traurig. Weißt Du Schatz, Pudding kochen ist so schwer! Milch kann sehr leicht übergehen. Sie hätte dich sogar verbrennen können! Ich bin sehr froh, dass dir nichts passiert ist.“ Petra nimmt Paul kurz in den Arm. Dann fährt sie fort: „Wenn du alleine an den Herd gehst, habe ich Angst, dass dir etwas passiert. Das will ich nicht!“

 

Paul blickt seine Mama mit verständnisvollen Augen an. Sie hat seine Botschaft „Ich möchte Euch eine Freude bereiten.“ voll erkannt. Er fühlt sich gesehen und als Person wertgeschätzt. So kann er auch ihre Sorge um ihn ernst nehmen. Er wird nicht mehr an den Herd gehen. Er möchte seiner Mama keine Angst bereiten.

 

Petra lächelt Ihren Sohn weiter an: „Was hältst du davon, wenn wir nun gemeinsam die Küche aufräumen und wir dir dann zeigen was Du alles verwenden kannst, wenn du uns mal wieder ein Überraschungsfrühstück zubereiten möchtest?“

 

Paul ist begeistert! Bereits am nächsten Sonntag bereitet er wieder ganz früh morgens ein Überraschungsfrühstück vor. Dieses Mal ist er nicht ganz so leise. – Aber das ist eine andere Geschichte. {#emotions_dlg.cap}

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